Schule im Jahre 2100

Übersicht über die Szenarien der Apokalypse

 

Ich sitze gerade in der Schule an einem Uralt-Computer. Arbeitsauftrag: Schreibe einen Essay über die Schule der Zukunft. Heute sind schon drei verschiedene Overheadprojektoren in unregelmäßigen Abständen an- und wieder ausgegangen. Die Lehrer, die sich für schlauer oder moderner halten und einen Beamer benutzen, bescheren ihren Schülern unfreiwillig eine Freistunde, während sie aus verschiedenen Räumen HDMI- und VGA-Kabel zusammenklauben, erforschen, mit welchen Schaltern man die verschiedenen Jalousien im Raum herunterlassen kann und versuchen, die herausgefallene Batterie wieder in die Fernbedienung einzusetzen.

Wenn ich über den Unterricht in 2100 nachdenke, habe ich immer eine Vision von Tischen mit eingelassenen Tablets, vollkommener Abschaffung von Schulbüchern und natürlich Kreidetafeln, vielleicht Roboterlehrern...

Aber der Begriff "Schule der Zukunft" sollte nicht nur mit technischen Neuerungen verbunden werden. Schließlich gibt es auch im pädagogischen Bereich viele Entwicklungen, die auf das Aussehen der Schule der Zukunft hindeuten könnten.

 

Als Schüler einer Schule von heute merke ich, dass viele neue Unterrichtsideen eingeführt, an uns ausprobiert und dann wieder abgeschafft werden. Beispiel: die umstrittene Methode "Lesen nach Schreiben" oder umgangssprachlich "Schreiben nach Gehör". Dabei dürfen die Schüler schon sehr früh kleine Texte schreiben, bei denen in der Grundschule noch nicht alle Fehler korrigiert werden. Die Schüler sollen Wörter einfach so schreiben, wie sie sich anhören. Tolle Idee, gell. So kann der Lehrer ihnen früh kreatives Schreiben beibringen, ohne sie zu frustrieren.

Natürlich gehen die Entwickler der Methode davon aus, dass die Frustrationstoleranz der Schüler bis zur fünften Klasse soweit angestiegen ist, dass sie es verkraften, in jeder Klasenarbait ungefär eine Note apgezogen zu krigen, weil sie zu file Feler machen. Und was ist dann mit den Kindern, die zuhause Dialekt sprechen? Denen wird dann systematisch beigebracht, in Mundart zu schreiben?

Eine Studie der Uni Bonn fand heraus, dass Kinder, die nach "Lesen durch Schreiben" unterrichtet wurden, am Ende der Grundschulzeit ca. 55% mehr Fehler machen, als Schüler, die nach der herkömmlichen Methode unterrichtet wurden. Diese können im Gymnasium oft nur noch sehr schwierig ausgemerzt werden. Aber Hauptsache, die Schüler werden in der Grundschule nicht frustriert!

 

Jetzt wird die Methode in verschiedenen Bundesländern schon wieder abgeschafft, nachdem eine Generation an Schülern darunter gelitten hat. Natürlich ist es für den Fortschritt wichtig, immer mal wieder neue Sachen auszuprobieren, aber ich finde, das sollte man erst einführen, wenn die ursprüngliche Methode veraltet ist. Außerdem sollten schon überzeugende Beweise vorliegen, dass die Erneuerung auch wirklich das Schulleben positiv bereichert - sonst fungieren die Schüler nur als Versuchskaninchen. Und manchmal reicht doch auch ein wenig Menschenverstand, um zu erkennen, dass irgendetwas wohl eher nicht funktionieren wird.

 

Eine weitere Entwicklung, die in den letzten Jahrzehnten deutlich wurde, ist die zunehmende Verschiebung der Schulsysteme: Das Gymnasium erlebt gerade einen Boom, fast die Hälfte der Schüler entscheidet sich für diese weiterführende Schule. (Zum Vergleich: 1954 waren es gerade mal 15%).

Gleichzeitig wurden in mehreren Bundesländer nun die sogenannten Gemeinschaftsschulen eingeführt. Dabei werden Schüler aus Gymnasien, Realschulen und Hauptschulen zusammengenommen und gemeinsam unterrichtet. Natürlich führt das am Ende dazu, dass der Großteil der Gemeinschaftsschüler eine Hauptschulempfehlung hat, sowie Eltern, die zu stolz dazu sind, ihr Kind auf eine Hauptschule zu schicken.

Die wenigen Schüler an den Gemeinschaftsschulen, die auch aufs Gymnasium gehen könnten (8,2%), werden vollkommen unterfordert. Da die Gemeinschaftsschulen aber häufig in ländlichen Gebieten eingeführt werden, um dort nicht drei Schulen zu betreiben, haben viele Schüler aber keine andere Wahl, als eine Gemeinschaftsschule zu besuchen.

Ob sich die Gemeinschaftsschulen als Schulart durchsetzen werden, ist noch unklar. Ich halte es eher für wahrscheinlicher, dass sich das Gymnasium weiter in Richtung Gemeinschaftsschule entwickeln wird. Für die meisten Eltern wird es immer mehr zur Horrorvision, das eigene Kind auf eine Hauptschule schicken zu müssen, es ist gleichbedeutend mit einer vollkommenen Verbauung der Zukunft. Daher steigt die Anzahl der Gymnasiasten immer weiter an. Ist im Jahre 2100 das Gymnasium die einzige übrige Schulart?

 

Eine der wichtigsten Methoden, die Individualität der Schüler zu fördern, wird derweil zunehmend standardisiert: die Fächerwahl in der Oberstufe. Wobei "Wahl" wohl eher der falsche Begriff ist, man könnte es auch als Leseverständnistest verkaufen: Man liest sich durch, welche Fächer man wählen muss, und trägt diese in seinen (Wahl-)Bogen ein. Mathe, Deutsch, Gemeinschaftskunde, Geographie, Geschichte, Sport sind verpflichtend, als Wahlpflicht braucht man Kunst oder Musik, zwei Naturwissenschaften und eine Sprache. Da bleibt nicht mehr viel Raum für individuelle Stundenplangestaltung. Dabei sind es doch gerade die sogenannten "Orchideenfächer", die man ab der Oberstufe neu dazu wählt, die für den Großteil der Schüler den Reiz der Oberstufe ausmachen.

In anderen Ländern wird das viel besser gelöst. In Neuseeland zum Beispiel, wo ich für ein paar Monate zur Schule gegangen bin, wählt man in der Oberstufe sechs Fächer, die man dann fünf Stunden die Woche hat. Mathe und Englisch müssen dabei sein, sonst kann man aber völlig frei wählen. Ein ähnliches Prinzip gibt es auch in Kanada. In Baden-Württemberg wurde nun aber stattdessen ein neues System eingeführt, was den meisten Schülern noch weniger Freiräume lässt.

 

Natürlich sollte man das Schulsystem nicht übermäßig kritisieren. Wir können froh sein, dass es überhaupt ein Schulsystem gibt. Aber was mir am meisten Sorgen macht und was ich auch in diesem Text hervorheben will, sind die Entwicklungen der deutschen Schulen - meiner Meinung nach zum Schlechteren. Trotz in die Tische eingelassener Tablets (auf die wir an unserer Schule wahrscheinlich auch noch lange warten müssen), glaube ich nicht, dass sich das Schülerleben bis 2100 verbessern wird. Aber vielleicht wird Deutschland ja bis dahin von Neuseeland eingenommen. Der Bildung würd´s gut tun…

 

Felix

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